Corona und die Psyche

Corona als Chance?!

Wie beeinflussen Long-Covid* und das Post-Covid-Syndrom** die Psyche?

„Mit jeder Erkältung kommt eine Erkenntnis.“

Das hat meine Mutter immer gesagt und ich habe mich jedesmal gefragt, wie das gehen soll. Aber was hat diese „Weisheit“ mit Corona zu tun?

Nun ist Corona weiß Gott keine Erkältung, aber auch eine Erkrankung, die einen ganz schön aus der Bahn werfen kann. Bei einer schlimmen Erkältung mit Gliederschmerzen, Watte im Kopf und null Antrieb reduziert sich die Wahrnehmung von aussen nach innen, auf einen selbst. Man ist eigentlich nur damit beschäftigt, wieder gesund zu werden.

Insofern können sich Erkenntnisse offenbaren, wenn man sehr intensiv mit sich selber beschäftigt ist. Situationen die stressig sind, oder Probleme die immer wieder kehren drängen sich dann in den Vordergrund. Vielleicht, weil man endlich mal Zeit hat in die Tiefe des Empfindens einzusteigen. Mit der Kraft die mit der Genesung kommt, hat man eventuell das Bedürfnis ein bestimmtes Thema endlich mal anzugehen. Man spürt, dass es Zeit ist, sich einen neuen Job zu suchen oder an der Beziehung zu arbeiten.

Theoretisch kann es mit einer Corona-Erkrankung ähnlich gehen.

Im Prinzip wirkt sich die Infektion mit dem Corona-Virus auf den ganzen Körper aus. Generell sind viele Organe und Blutgefäße durch das Virus betroffen – man spricht von einer Multi-Organ Krankheit. In der akuten Phase und auch in den späteren Verläufen kann es u.a. auch zu neurologischen Symptomen, wie epileptischen Anfällen, Schlaganfällen, Bewusstseinsverlust, Geschmacksstörungen und Zuständen der Verwirrung, kommen. Dazu können Depressionen, Ängste, Gedächtnisverlust und weitere psychische Symptome auftreten. 

Immer öfter hört man sogar von Haarausfall, der Wochen und Monate nach einer überstandenen Corona-Erkrankung auftritt. Allein dieses Symptom wirkt sich extrem stressig auf die Psyche aus.

Das tückische ist, dass auch bei scheinbar milden Erkrankungsverläufen, heftige psychisch relevante Folgesymptome auftreten können. 

Wie geht man am besten mit den seelischen Schwierigkeiten nach einer Corona-Erkrankung um?

Körper und Seele beeinflussen sich gegenseitig

Zuerst gilt es zu bedenken, dass sich Körper und Seele gegenseitig beeinflussen. Eine körperliche Erkrankung wirkt sich immer auf unsere psychische Verfassung aus und umgekehrt zeigt der Körper bei seelischer Belastung auch Symptome. 

Wenn wir an unseren mentalen Zustand bei einer normalen Erkältung denken, wie z.B. Energielosigkeit und Niedergeschlagenheit, ist es eigentlich logisch, dass eine schwere Erkrankung, wie mit dem Coronavirus, die Psyche umso stärker beeinflusst.

Das eigentliche Problem ist, dass wir in einer leistungsorientierten Gesellschaft leben. Wer im Job Gas gibt und erfolgreich ist, bekommt Anerkennung von seinen Mitmenschen. 

Das häufig auftretende „Chronik fatigue syndrome“ (CFS) passt da so gar nicht dazu und zermürbt auf Dauer die psychische Widerstandskraft des Betroffenen.

Die verringerte Leistungsfähigkeit, eventuelle Schmerzen, die geistige und körperliche Erschöpfung wird von unserer Gesellschaft häufig mit Unverständnis beantwortet. Wenn man nach einer Stunde unter Freunden völlig erschöpft ist und am liebsten nach Hause ins Bett will, ist das eine Belastung für unseren sozialen Umgang.

Erschwerend dazu, kommen Anforderungen an die eigene Leistungsfähigkeit des Betroffenen, die nicht erfüllt werden können. Wenn man eigentlich wieder gesellschaftlich mitmischen will und nicht kann, wirkt das frustrierend.

Da der Verlauf der Erkrankung ungewiss ist, kommen Sorgen, Ängste, Frustration, Wut und Trauer auf. Eine Wut auf den eigenen Körper ist nicht selten. Als Folge dessen, sind depressive Symptome, sogar voll ausgebildete Depressionen möglich. 

Je nach Veranlagung der betroffenen Person, also je nachdem wo die jeweiligen Schwachstellen sind, kann es zu unterschiedlichen Symptomen kommen: der eine bekommt Rückenschmerzen, der andere Zwangsstörungen. 

Weitere Lebensumstände, wie Partnerschaft, Jobsituation, oder finanzielle Schwierigkeiten wirken sich, im Rahmen einer Covid-Erkrankung, verstärkt auf die psychische Gesundheit aus. Wenn das Umfeld einer betroffenen Person keine Verständnis zeigt, wird die Situation nochmal schwieriger.

Warum, welche Symptome auftreten ist kaum auszumachen, da sich viele Faktoren gegenseitig beeinflussen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Mischung aus körperlichen Prozessen, vor der Erkrankung vorhandenen Problemen, Anforderungen des Umfeldes, sowie Selbstbild und Selbstwirksamkeit des Erkrankten einen Einfluss auf die psychischen Auswirkungen haben. 

Insgesamt eine brisante Mischung an Faktoren, die den Umgang mit den psychischen Folgen einer Corona-Erkrankung beeinflussen. Der Betroffene befindet sich im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Einflüssen und seinen eigenen Erwartungen. Dazu kommt die Ungewissheit, wie es weiter geht. Ängste und Sorgen können entstehen, wenn man von sehr schweren Folgen der Krankheit aus den Nachrichten oder seinem Umfeld erfährt.

Wie kann man mit den psychischen Auswirkungen einer langzeit Covid-Erkrankung zurecht kommen?

Wenn man sich im Rahmen von Angstsymptomen, Grübelphasen oder Traurigkeit daran erinnert, dass der Körper einen großen Einfluß auf das seelische Empfinden hat, entsteht ein neuer Blick auf die vorhandenen Gefühle. Wir können mit negativen Emotionen besser umgehen, wenn wir wissen, dass deren Ursprung nicht nur seelischer Natur ist.

Also, was kann man tun:

  • Am besten schon während der akuten Krankheitsphase sich ausreichend Zeit nehmen um sich seiner Gesundheit zu widmen.
  • Nachsichtig und großzügig mit sich selber sein.
  • Ruhe halten.
  • Wenn es geht, leichte Bewegung (spazieren) im Freien.
  • Natürlich ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle.
  • Den Körper mit dem versorgen was er braucht. Ganz klar: auf ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und angepasste Bewegung achten.
  • Die Psyche braucht Gesellschaft mit netten Menschen, neuen Input (z.B. Podcasts, oder einen neuen Roman), Ruhe und unterstützenden Zuspruch. 

Vielerorts finden sich Selbsthilfegruppen. Es ist wichtig zu sehen, dass man nicht allein mit einem Problem ist. In unterstützenden Gruppen werden Tipps und Tricks ausgetauscht. Und man kann sich gegenseitig motivieren. Oftmals sind Menschen dabei, denen es schon besser geht. Das vermittelt natürlich Hoffnung. 

Corona, Long Covid, Post-Covid Syndrom, Chronic Fatigue Syndrom – als Chance!?

Das Wichtigste ist aber, die gesellschaftlichen und auch die eigenen Anforderungen und Erwartungen, erstmal abzublocken. Es kann helfen, wenn man sich bewusst aus der Leistungsgesellschaft ausklinkt. …sich einfach mal auf sich selbst zu konzentrieren und auf das hören, was der Körper und die Seele braucht. 

Mit den psychischen Folgen einer Corona-Erkrankung hat man theoretisch die Chance, sich eine Auszeit zu nehmen. Da das Thema immer präsenter wird, wird es auch gesellschaftlich leichter, sich Ruhepausen und Erholung zu gönnen. Sprechen Sie mit ihren Mitmenschen darüber!

Corona als Chance in seinem Leben aufzuräumen? Wenn man sich entscheidet, diese heftige Erkrankung und alles was diese mit sich bringen kann, als Zeitpunkt für Veränderungen zu sehen, kann man daraus viel Kraft gewinnen. Ja, es ist anstrengend und wahrscheinlich nicht nur körperlich Schmerzhaft, aber die Möglichkeit besteht, gestärkt daraus hervorzugehen.



Eventuell benötigt man therapeutische Unterstützung, um schwierige Themen anzugehen. Hier sind weiterführende Links:

https://www.zusammengegencorona.de/covid-19/long-covid-langzeitfolgen-einer-covid-19-erkrankung/

Selbsthilfegruppen: https://www.nakos.de/data/Online-Publikationen/2021/NAKOS-Corona-Selbsthilfegruppen.pdf

DAK-Hotline: https://www.dak.de/dak/kontakt/hotline-hilfe-bei-long-covid-2463780.html#/

Es gibt Kliniken, die bereits ein post Corona-spezifisches Behandlungsangebot anbieten:

https://www.seepark-klinik.de/fachbereiche-krankheitsbilder/krankheitsbilder-a-z/psychische-folgen-der-corona-pandemie/#ein-besonderes-angebot

* Von „Long-Covid“ spricht man, wenn die Symptome innerhalb 4 Wochen nach der akuten Erkrankung auftreten.

**Das „Post-Covid-Syndrom“ tritt auf, wenn diverse Symptome 12 Wochen nach akuter Erkrankung sichtbar werden. 

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